
Stellungnahme zur Kritik an der Polyvagal-Theorie
Eine fachlich reflektierte Einordnung aus unserer RZT®-Praxis
Die Polyvagal-Theorie hat in den vergangenen Jahren weit über den psychotherapeutischen Kontext hinaus Aufmerksamkeit gewonnen. Sie prägt heute auch Fachdiskurse in Beratung, Coaching, Training, Pädagogik, Körperarbeit und Organisationsentwicklung.
Zugleich ist sie Gegenstand intensiver wissenschaftlicher Kontroversen. Diese Debatte ist wichtig – denn überall dort, wo theoretische Modelle praktische Wirkung entfalten, brauchen sie fachliche Offenheit, kritische Reflexion und die Bereitschaft zur Aktualisierung.
Unsere Haltung:
Die aktuelle Kritik betrifft neuroanatomische, phylogenetische und messtechnische Kernaussagen der Polyvagal-Theorie. Sie stellt jedoch nicht die Bedeutung autonomer Regulation, von Atmung, Interozeption, Körperwahrnehmung, sozialer Ko-Regulation oder körperorientierter Regulationsverfahren grundsätzlich infrage.
Für eine wissenschaftlich fundierte somatische Resilienzförderung nutzen wir die Polyvagal-Theorie deshalb nicht mehr als biologisches Fundament. Wir ordnen sie heute als historisch einflussreiches heuristisches und klinisch-didaktisches Modell ein, dessen spezifische neurobiologische Erklärungen wir nicht übernehmen.
Die Polyvagal-Theorie hat wesentlich dazu beigetragen, körperliche Regulation, Beziehung, soziale Sicherheit und Co-Regulation stärker in Psychotherapie, Coaching, Pädagogik und Führungspraxis sichtbar zu machen. Diese Bedeutung als Impulsgeberin ist jedoch von der wissenschaftlichen Tragfähigkeit ihrer spezifischen neurophysiologischen Erklärungen zu unterscheiden.
Aktuelle physiologische, neuroanatomische und vergleichend-evolutionäre Forschung stellt zentrale Grundannahmen der Polyvagal-Theorie substanziell infrage. Dazu gehören insbesondere:
- die postulierte Hierarchie ventral-vagaler, sympathischer und dorsal-vagaler Zustände,
- die Zuordnung von Sicherheit und sozialem Engagement zu einem spezifischen ventral-vagalen System,
- die Erklärung von Freeze, Dissoziation und Shutdown über den dorsalen Vagus,
- sowie die Interpretation von RSA/HRV als direktem Maß vagaler Regulation.
Somatische Resilienz - Scientific Update 2026
Mit unserem Scientific Update 2026 machen wir deutlich, dass wir unseren Somatic-Resilience-Ansatz in NewAIR Somatic Self-Leadership und im RZT® nicht auf diese PVT-spezifischen neuroanatomischen Annahmen stützen.
Die für uns relevanten phänomenologischen und praktischen Fragestellungen behalten ihre wissenschaftliche und praktische Bedeutung – auch unabhängig von der PVT. Dazu gehören beispielsweise:
- autonome Regulation,
- Körper-Gehirn-Kommunikation,
- Interozeption,
- soziale Regulation und Co-Regulation,
- psychologische und soziale Sicherheit,
- Mobilisierung und Immobilisierung,
- Körperwahrnehmung,
- Orientierung,
- sowie die zentrale Bedeutung von Beziehung und Kontext.
Diese Phänomene rahmen wir heute über ein breiteres Verständnis dynamischer Körper-Gehirn-Netzwerke, Allostase, Regulationsflexibilität, impliziter Sicherheits- und Gefahrenverarbeitung sowie biopsychosozialer und multisystemischer Regulation.
Dabei gilt:
- Wir lesen psychologische Zustände nicht aus einzelnen Nervenbahnen oder physiologischen Messwerten heraus.
- Somatische Interventionen verstehen wir nicht als technische Manipulation eines vermeintlich eindeutig bestimmbaren Nervensystemzustands, sondern als Angebote, die Wahrnehmung, Orientierung, Regulationsflexibilität und Handlungsspielraum unterstützen können.
- Ihre Wirkung ist abhängig von Person, aktuellem Regulationsgeschehen, Situation und Kontext und muss in der konkreten Erfahrung überprüft werden.
Unser Scientific Update bedeutet daher keine Abkehr von somatischer Arbeit, sondern eine wissenschaftlich präzisere Fundierung ihrer Beobachtungen, Methoden und Wirkannahmen.
Machen Sie sich selbst ein Bild
Ich lade Sie ein, sich mit den aktuellen Debatten auseinanderzusetzen und auf das aktuelle Paper mit der Kritik an an der PVT sowie auf die Stellungnahme zur Polyvagal-Theorie zuzugreifen, um ein ausgewogenes Verständnis der Thematik zu erhalten.
- PAPER_grossmann2026PolyvagalTheoryUntenable
- https://polyvagal-akademie.com/kritik-an-der-polyvagaltheorie-eine-umfassende-analyse
Vielen Dank für Ihr Engagement und Ihr Interesse an einem produktiven Diskurs!
Mit herzlichen Grüßen,
Ella Gabriele Amann
Ausbildungsleitung

Ella Gabriele Amann
Anfang der 90er Jahre habe ich damit begonnen Methoden für die integrative Resilienz- und Gesundheitsförderung zu entwickeln. Als Pionierin im deutschsprachigen Raum, habe ich interaktive Ansätze aus dem Embodiment und aus der Angewandten Improvisation in meine Arbeit integriert. Als systemisch ausgebildete Familien- und Trauma-Therapeutin achte ich zudem auf die Umsetzung von trauma-informed-Prinzipien in der individuellen und familien-systemischen bzw. organisationalen Resilienzförderung.
Als Resilienz und Applied Improv FacilitatorIn begleitet ich Organisationen, Führungskräfte und MultiplikatorInnen mit großer Leidenschaft beim Transformationsprozess in die neue Arbeitswelt. Ich bin ausdauernd, geduldig und zuversichlich. Und so sehe ich in der Angewandten Resilienzförderung - auch als Initiatorin und Geschäftsführerin der Stiftung ResilienzForum - einen gesamt-gesellschaftlichen Entwicklungsauftrag, dem ich seit 30 Jahren mit wachsender Freude nachkomme.
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Ich freue mich darauf Dich kennenzulernen,
Deine Ella Gabriele Amann

