
Stellungnahme zur Kritik an der Polyvagal-Theorie
Eine fachlich reflektierte Einordnung aus unserer RZT®-Praxis
Die Polyvagal-Theorie hat in den vergangenen Jahren weit über den psychotherapeutischen Kontext hinaus Aufmerksamkeit gewonnen. Sie prägt heute zunehmend auch Fachdiskurse in Beratung, Coaching, Training, Pädagogik, Körperarbeit und Organisationsentwicklung. Zugleich ist sie Gegenstand wissenschaftlicher Kontroversen. Diese Debatte ist wichtig — denn überall dort, wo theoretische Modelle praktische Wirkung entfalten, brauchen sie sowohl fachliche Offenheit als auch kritische Reflexion.
Die Polyvagal-Theorie zwischen wissenschaftlicher Debatte und praktischer Relevanz
Die Auseinandersetzung um die Polyvagal-Theorie zeigt, wie herausfordernd es ist, komplexe neurophysiologische Zusammenhänge in Wissenschaft und Praxis gleichermaßen differenziert zu vermitteln. Die Stellungnahme zur Kritik an der Polyvagal-Theorie macht deutlich, dass ein Teil der Einwände aus Sicht ihres Begründers Stephen W. Porges auf verkürzten Darstellungen, missverständlichen Zuschreibungen oder methodischen Unschärfen beruht.
Unabhängig davon, wie einzelne fachwissenschaftliche Detailfragen künftig weiter bewertet werden, bleibt die zentrale Praxisrelevanz des Modells bestehen: Die Polyvagal-Theorie bietet ein vertieftes Verständnis dafür, wie eng Sicherheit, Beziehung, Körperzustand, Wahrnehmung, Schutzreaktionen und Handlungsfähigkeit miteinander verbunden sind.
Gerade für Fachpersonen in Beratung, Training, Coaching und Therapie ist dies von großer Bedeutung. Denn in der professionellen Begleitung von Menschen zeigt sich immer wieder, dass Verhalten nicht allein aus Einsicht, Motivation oder bewusster Entscheidung heraus erklärt werden kann. Menschen reagieren unter Belastung, Verunsicherung oder Überforderung oft zustandsabhängig — und genau hier setzt die Polyvagal-Theorie mit einer differenzierten Perspektive auf Regulation und Schutz an.
Der polyvagale Perspektivwechsel im Verständnis menschlichen Verhaltens
Die besondere Qualität der Polyvagal-Theorie liegt darin, dass sie sichtbares Verhalten nicht vorschnell bewertet, sondern in einen tieferen Zusammenhang stellt. Sie hilft zu verstehen, warum Menschen in manchen Situationen offen, ansprechbar und in Kontakt bleiben, während sie in anderen Momenten mit Anspannung, Kontrolle, Rückzug, Erstarrung oder innerer Abwesenheit reagieren.
Damit verschiebt sich der professionelle Blick: weg von vorschnellen Zuschreibungen wie „Widerstand“, „Unkooperativität“ oder „mangelnde Motivation“, hin zu der Frage, in welchem inneren und körperlichen Zustand ein Mensch sich gerade befindet.
Dieser Perspektivwechsel hat weitreichende Konsequenzen für die Praxis. Er fördert eine traumasensible Haltung, stärkt das Verständnis für Selbst- und Co-Regulation und macht deutlich, dass Sicherheit keine Nebensache, sondern eine zentrale Voraussetzung für Entwicklung, Lernen, Kooperation und Veränderung ist.
Die Polyvagal-Theorie liefert damit keine einfache Patentlösung. Aber sie stellt eine wertvolle Landkarte zur Verfügung, um menschliches Erleben und Verhalten differenzierter, würdevoller und wirksamer zu begleiten.
Anschlussfähigkeit braucht baucht weder Idealisierung noch vorschnelle Verwerfung
Ein fachlich verantwortungsvoller Umgang mit der Polyvagal-Theorie verlangt zugleich Nüchternheit und Differenzierungsfähigkeit. Sie sollte weder unkritisch idealisiert noch vorschnell verworfen werden. Nicht jede populäre Vereinfachung wird ihrer Komplexität gerecht. Und nicht jede Kritik entkräftet die Erfahrungen, die viele erfahrene Praktiker:innen in der Arbeit mit diesem Bezugsrahmen gemacht haben.
Aus unserer Sicht liegt ihre Stärke vor allem dort, wo sie nicht als ideologische Wahrheit, sondern als anschlussfähiges, professionelles Orientierungsmodell verstanden wird: als Einladung, menschliches Verhalten im Zusammenhang von Körper, Beziehung, Umwelt und Erfahrung genauer wahrzunehmen. In diesem Sinne trägt sie zu einem Paradigmenwechsel bei, der in vielen professionellen Feldern längst begonnen hat — hin zu einer Praxis, die nicht nur auf Funktionieren und Leistung schaut, sondern auf Regulation, Sicherheit, Verbundenheit und stimmige Entwicklung.
Zur Polyvagal-Theorie im RZT®
Auch im Resilienz-Zirkel-Training (RZT®) hat die Polyvagal-Theorie einen bedeutsamen Stellenwert als fachlicher Bezugsrahmen. Wir verstehen sie nicht als isoliertes Erklärungsmodell, sondern als anschlussfähige Perspektive innerhalb eines umfassenderen, systemisch-integrativen und somatisch informierten Verständnisses von Resilienz, Selbstregulation und Beziehungsgestaltung.
Meine eigene Auseinandersetzung mit der Polyvagal-Theorie reicht über fünfzehn Jahre zurück. In verschiedenen fundierten Ausbildungskontexten wurde ich sowohl theoretisch als auch praktisch in ihrer Anwendung geschult — unter anderem in meiner polyvagal-informierten Bodybliss®-Ausbildung bei Divo Müller und Dr. Robert Schleip sowie in meiner traumatherapeutischen Ausbildung in Somatic Experiencing (SE), vermittelt über Urs Harnauer, Peter Levine und Stephen Porges. Die daraus gewonnenen Einsichten und Erfahrungen konnte ich über viele Jahre hinweg in meine eigene Entwicklungs-, Begleitungs- und Ausbildungspraxis integrieren.
Diese langjährige Praxis hat deutlich gezeigt, dass die Polyvagal-Theorie weit über ein individuelles Regulationsverständnis hinausweist. Sie bietet nicht nur in der persönlichen Resilienzförderung wertvolle Orientierung, sondern ebenso in der Begleitung von Gruppen, Teams, Führungskräften und Organisationen.
Gerade in Zeiten tiefgreifender Verunsicherung, hoher Komplexität und anhaltender Veränderungsdynamiken wird sichtbar, wie grundlegend Fragen von Sicherheit, Resonanz, Co-Regulation und somatischer Präsenz für tragfähige Entwicklung geworden sind.
Ein polyvagal- und trauma-informed Ansatz leistet aus unserer Sicht deshalb einen wesentlichen Beitrag zu dem Paradigmenwechsel, den wir heute in vielen professionellen Feldern beobachten: weg von rein kognitiven, instrumentellen oder defizitorientierten Zugängen — hin zu einer somatisch informierten Führung, einer beziehungsorientierten Mitarbeiter- und Teamentwicklung und einer tieferen, realitätsnäheren Form professioneller Prozessbegleitung.
Schlussgedanke
Für unsere Arbeit im RZT® ist die Polyvagal-Theorie deshalb weder Trend noch Zusatzwissen. Sie ist Teil einer gewachsenen, erfahrungsbasierten und professionell integrierten Praxis, die den Menschen in seiner körperlichen, emotionalen, sozialen und systemischen Eingebundenheit ernst nimmt.
Dort, wo Menschen lernen, sich inmitten von Unsicherheit wieder sicherer zu orientieren, in Kontakt zu kommen und handlungsfähig zu werden, entfaltet sich Resilienz nicht als abstraktes Konzept, sondern als lebendige, verkörperte Fähigkeit.
Die Arbeit von Stephen Porges und die Weiterentwicklungen im Bereich der Trauma-Therapie haben bedeutende Fortschritte in der therapeutischen Praxis ermöglicht - nicht nur im RZT®. Auch wenn sich die wissenschaftlichen Details weiterentwickeln, bleibt die Anwendung und das Verständnis der Theorie ein wertvoller Beitrag zur Verbesserung der Resilienz und therapeutischer Methoden.
Ich hoffe, dass dieser Beitrag Ihnen hilft, ein tieferes Verständnis für die Entwicklungen und Herausforderungen in der wissenschaftlichen und praktischen Anwendung der Polyvagal-Theorie zu gewinnen.
Machen Sie sich selbst ein Bild
Ich lade Sie ein, sich mit den aktuellen Debatten auseinanderzusetzen und auf die verlinkte Stellungnahme zur Polyvagal-Theorie zuzugreifen, um ein ausgewogenes Verständnis der Thematik zu erhalten.
Vielen Dank für Ihr Engagement und Ihr Interesse an einem produktiven Diskurs!
Mit herzlichen Grüßen,
Ella Gabriele Amann
Ausbildungsleitung

Ella Gabriele Amann
Anfang der 90er Jahre habe ich damit begonnen Methoden für die integrative Resilienz- und Gesundheitsförderung zu entwickeln. Als Pionierin im deutschsprachigen Raum, habe ich interaktive Ansätze aus dem Embodiment und aus der Angewandten Improvisation in meine Arbeit integriert. Als systemisch ausgebildete Familien- und Trauma-Therapeutin achte ich zudem auf die Umsetzung von trauma-informed-Prinzipien in der individuellen und familien-systemischen bzw. organisationalen Resilienzförderung.
Als Resilienz und Applied Improv FacilitatorIn begleitet ich Organisationen, Führungskräfte und MultiplikatorInnen mit großer Leidenschaft beim Transformationsprozess in die neue Arbeitswelt. Ich bin ausdauernd, geduldig und zuversichlich. Und so sehe ich in der Angewandten Resilienzförderung - auch als Initiatorin und Geschäftsführerin der Stiftung ResilienzForum - einen gesamt-gesellschaftlichen Entwicklungsauftrag, dem ich seit 30 Jahren mit wachsender Freude nachkomme.
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Deine Ella Gabriele Amann

